Richard Wagner und die Urdemokratie passen schwer zusammen

Aktualisiert: 21. Nov 2019

Im Gespräch mit Viktor Schonen, Intendant Staatsoper Stuttgart


„Das Bratscheherz liegt mir immer noch nah, weil der Bratscher derjenige im Orchester ist, der verbindet. Die Bratsche ist nicht die erste Geige, aber sie ist der Moderator, der, der die Sache auch mal von der anderen Seite betrachtet. Der Bratscher ist sowas wie der Bassist in einer Band. Das sind die Leute, die ein bisschen lockerer sind“, sagt Viktor Schoner zu Beginn unseres Gesprächs. Und irgendwie passt das auch zu ihm.


Viktor Schoner kommt aus einer bürgerlichen Struktur, sagt er, ist in Aschaffenburg aufgewachsen und hat in Berlin Bratsche studiert. Ein Stipendium für Musikwissenschaften brachte ihn nach New York und seine Arbeit mit Gerard Mortier nach Paris. Vor acht Jahren ist er wieder in seine Heimat Bayern zurückgekehrt, diesmal als künstlerischer Betriebsdirektor an der bayerischen Staatsoper in München.


Sein erster Chef war Gerard Mortier, über den er sagt, dass Mortier ein Revolutionär war, eine Kultfigur in der Szene, eine charismatische Persönlichkeit sondergleichen. Unbedarft und unbefangen lud der damals Anfang zwanzigjährige Schoner Gerard Mortier, den Visionär des Musiktheaters, wie er einst bezeichnet wurde und der zur damaligen Zeit Intendant der Salzburger Festspiele war, als Redner ein. Mortier kam und bald darauf folgte ihm Schoner als sein persönlicher Assistent nach Salzburg.


Das Verhältnis war nicht so wie das, was man heute in postmodernen Unternehmen antrifft oder antreffen möchte. Schoner lernte in einem klassischen Meister- Schüler-Verhältnis, fing beim Kofferträger an. Einfach, weil Mortier so war, weil das Geschäft so war und vor allem, weil die Oper, das Theater so war. Die Oper tickt anders als moderne oder postmoderne Wirtschaftsunternehmen. Dennoch, vielleicht aber auch gerade deshalb, oder weil Schoner einfach Schoner ist, hat man den Eindruck, man sitzt einem unprätentiösen, hin und wieder ein bisschen spitzbübischem Mann, aber auf jeden Fall einem, dem es nicht geschadet hat, eher in einem klassischen Chef-Angestellten-Verhältnis groß zu werden, gegenüber.


Von Mortier hat er viel gelernt, vermutlich auch das „Kämpfen“ für ein modernes Opernhaus.

Wenn man einen Richard Wagner von 1875 aufführt, kann man nicht so tun, als hätte es damals die Urdemokratie gegeben. Der gesamte Geist des Produktes stammt aus einer anderen Zeit. Ich glaube, dass diese Werke in ihrer Ausführung nicht in modernen Konzepten zu denken sind, weil sie eben urhierarchisch sind“, erklärt Viktor Schoner.

Gleichzeitig ist ihm bewusst, dass es da eine andere Seite gibt, denn auch im künstlerischen Bereich haben sich Partizipation und Demokratie verändert. „Zum Beispiel wählt das Berliner Philharmoniker Orchester, welches ein basisdemokratisches Orchester ist, ihren Chefdirigenten selbst und die Energie, die aus solchen Formationen hervorgeht, ist natürlich eine ganz andere, als die, die wir hier leben, weil sie stärker von innen kommt.“


Als Führungskraft Atmosphäre schaffen


Es geht Viktor Schoner darum eine Stimmung zu kreieren, die bewirkt, das alle im Moment der Aufführung das Beste wollen. Es geht darum eine Atmosphäre zu schaffen, in der das Publikum seinem eigenen Herzen gewahr wird, die Musik die Seele berührt und so die vierte Wand durchbrochen wird.


Die ersten drei Wände erklärt uns Viktor Schoner, sind die drei festen und eisernen Wände der Bühne, die vierte, unsichtbare Wand, ist die Wand zwischen den Schauspielern und Sängern und ihrem Publikum. Diese Wand gilt es zu überwinden, eine Atmosphäre, einen Abend zu schaffen, der zu einem ganz besonderen Augenblick wird.


Das Hierarchiedenken, Wertschätzung, Mitarbeiterführung genauso wie Gehälter und Aufstiegsmöglichkeiten ein Thema in der Branche sind, das sieht Viktor Schoner durchaus. Und auch hier zeigt er sich offen für Neues, ist bereit hinzu- schauen und Veränderungen zuzulassen.


In der Opernwelt befindet sich vieles im Umbruch, manches im Aufbruch. Neue Medien, neue Darstellungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel Livestreams, die die München Oper anbietet oder Diskussionsrunden mit dem Publikum, sind Wege in eine mögliche neue Opernzeit. Das Publikum, das in die Oper geht, um einerseits die gute alte Zeit zu erleben, eine nostalgische Sehnsucht befriedigt wissen möchte und andererseits herausgefordert werden und mit neuem Blick auf das Alte sehen will, diesen Konflikt gilt es auszuhalten und zu leben.


Mit der Gründung der „Akademie, Musiktheater heute“ zu seinen Studienzeiten hatte Viktor Schoner Menschen um sich versammelt, da er schon damals erkannte, dass die Oper eine so komplexe Struktur ist „das kann man nicht alleine ma- chen und wenn wir den Laden hier aufmischen wollen, dann müssen wir uns zusammentun. Die Presseabteilung, Bühnenbild, Kostümwerkstadt, Dramaturgie. Wenn jeder von uns alleine versucht die Revolution zu starten, geht nichts voran,“ überzeugte er damals.

Und dieser Spirit ist heute noch bei Viktor Schoner zu spüren, den Geist für ein gemeinsames Ziel, die Kraft der gesamten Mannschaft zu entfalten, die es benö- tigt, um die vierte Wand zu durchdringen.


Wir wünschen ihm, dass er auch in Stuttgart diesen Geist entfachen kann und dass er sich neben seiner heutigen Erfahrung, seinem heutigen Wissen und Können, dem Lernen von Mortier und Bachler, seinen Revolutionsgeist bewahrt hat.

























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