Führung Vertikal statt Horizontal

Aktualisiert: 21. Nov 2019

Im Gespräch mit Bernadette Büsgen, Beraterin und Business Coach in Lübeck


Bernadette kenne ich schon sehr lange, wir waren beide viele Jahre bei KPMG im Bereich Human Resources tätig, in unterschiedlichen Bereichen. Aber wie das Leben so spielt, haben wir uns erst nach unserer Zeit bei KPMG intensiver kennengelernt und die Ansichten und Perspektiven des jeweils anderen schätzen gelernt. Deshalb ist unser Gespräch auch sehr offen.


Meine erste Frage geht in Richtung Veränderung hinsichtlich Führungsverhalten, und genau wie ich spürt Bernadette deutliche Veränderungen: „Im Moment nehme ich eine Offenheit bezüglich der tieferen Themen bei Führungskräften wahr, vor allem im Vier-Augen-Gespräch.“ Dennoch sieht sie die Gefahr, dass neue und moderne Führungsstile nicht nur aus Überzeugung heraus gelebt werden, sondern ein Hype sein könnten, etwas, das gerade en vogue ist, in ein paar Jahren wieder verschwindet und wir auf einer neuen „Welle“ reiten.

Auf jeden Fall stellt Bernadette fest, hat sich der Anspruch ihrer Auftraggeber an die Führungskräfteentwicklung verändert, ist mehr value-based geworden, gleichwohl es in den meisten Unternehmen zwar Führungsleitbilder gibt, aber immer noch wenig Raum für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema, was Führung ganz konkret in dem jeweiligen Unternehmen bedeutet. Unterneh- men spüren durchaus, dass sie etwas verändern müssen und auch wollen, um weiterhin erfolgreich zu sein, auch in Puncto Führung und in Bezug auf die digitale Welt. Der tiefergehende Zweck der Veränderung und die dahinterstehende Hal- tung ist jedoch unklar und lässt sich folglich schwer formulieren.


Deshalb bietet Bernadette auch eher Coaching Programme an, die auf eine individuelle Entwicklung abzielen. Dabei kommt es ihr vor allem auf die vertikale Entwicklung einer Führungskraft an. Also nicht nur die horizontale Entwicklung durch Wissenszuwachs und neue Methoden, sondern eine Entwicklung, die in die Tiefe geht. „Vertikale Entwicklung bedeutet für mich, mich als Mensch zu erkennen“ sagt sie und meint damit tiefer in die Reflektion zu gehen. Ob das geschieht, in welchem Tempo und wie weit, bestimmt natürlich die Führungskraft selbst.


Vom Wissenden zum Lernenden


Viele der erfahrenen Führungskräfte glauben, dass sie als Führungskraft alles wissen und den Weg für ihre Mitarbeiter genauestens vorgeben müssen. Genau hier stoßen sie oftmals an die Grenzen der immer komplexer werdenden Welt, der Digitalisierung und letztendlich auch an ihre persönlichen Grenzen. Gleichzeitig ist dieses „an seine Grenzen stoßen“ oftmals Auslöser dafür, sich und das eigene Führungsverständnis zu hinterfragen und somit Auslöser einer vertikalen Entwicklung.


Bernadette Büsgen ist der Meinung, dass es für viele Führungskräfte heute darauf ankommt, mit der Ambivalenz zwischen dem „Neuem Führen“, einer neuen Hal- tung, einem neuen Führungsverständnis und der Erwartung der Organisation, alle Probleme lösen zu können, zurechtzukommen. „Diesen Widerspruch gilt es auszuhalten und dazu eine gute innere Haltung zu finden“. Zudem erfordert „Neues Führen“ Offenheit, Neugierde und die Fähigkeit eigene Bilder in Frage stellen zu können, neue Perspektiven zu entdecken und ist heute wichtiger denn je gewor- den. „Es steht eine innere Haltung dahinter, dass ich eher als Lernender durch die Welt gehe, denn als Wissender“.


Unser Interview dreht sich jedoch nicht nur um die klassische Führungskraft in einem Wirtschaftsunternehmen, sondern um Führung im Allgemeinen und auch in der Politik. In diesem Zusammenhang sprechen wir über Führungsverhalten im politischen Umfeld.

Meinem Empfinden nach wird in der Politik eher traditionell und konformistisch geführt, als kooperativ und agil. Ich frage mich, warum die Machtdenke in der Politik immer noch so tief verwurzelt ist, Profilierung tägliches doing ist? Und genau in dem Bild des Wissenden statt des Lernenden könnte eine (von vielen) Erklärungen liegen. Denn in unserem politischen System, oder zumindest bei der Generation in den Parteispitzen, ist die Denke des Lernenden noch gar nicht an- gekommen.


Andererseits ist die Frage interessant, ob wir tatsächlich einen Politi- ker wählen würden, der sich hinstellt und bekennt, dass er auch nicht alles weiß? Und somit treffen Politiker bei uns Wählern vermutlich auf eine ebenso traditio- nelle Struktur und der Fehler liegt mal wieder im System. Für mich jedenfalls ein interessanter Gedanke, den ich weiterverfolgen werde.

Wissen möchte ich auch, wie sich Bernadette als Business Coach sieht. „Natürlich stand am Anfang das Ziel eine unternehmerische Basis zu finden in der ich tätig sein konnte im Vordergrund“, erklärt Bernadette. „Netzwerken musste ich auch erst mal lernen und bin heute gut darin, tiefe und belastbare Beziehungen aufzu- bauen. Nachdem ich das geschafft hatte, bin ich als Person stärker in den Vorder- grund gerückt und da ging es dann mehr um Sinnhaftigkeit. Und das ist es auch, was mich heute treibt. Es geht mehr um mich und um den Mehrwert, den ich heute meinen Kunden bieten möchte. Das ist ein Luxus, den ich mir mittlerweile erlauben darf und kann.“


Ich bin ebenso wie mein Protagonist gespannt, wohin uns neue Führungsverhalten führen werden, wie belastbar und ernsthaft das Thema genommen wird und ob am Ende tatsächlich eine tiefere Haltung sicht- und spürbar wird. Meine tiefe Überzeugung - und ich glaube Bernadette teilt diese- ist, dass eine zutiefst menschliche Führung und eine entsprechende innere Haltung in der Zukunft immer wichtiger für Führungskräfte werden, wenn nicht gar der entscheidende Fak- tor, um Organisationen erfolgreich zu führen.


Danke liebe Bernadette für das tolle und inspirierende Gespräch!



















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